Das Gezeichnete Ich
Über Das Gezeichnete Ich
Popmusik ist ein weites Feld. Ein Universum. Wer will da die Spreu vom Weizen trennen. Du? Ich? Wir alle hören Musik.
Gezeichnet von einer grenzenlosen Vielfalt. Ganz zu schweigen von der Omnipräsenz und Verfügbarkeit von Musik im Informationszeitalter. Der Künstler verschwindet in der Masse, wenn er nicht gerade wie eine Sternschnuppe durch die Schlagzeilen der Mediengalaxien saust. Doch immer wieder treffen uns Songs wie der Blitz. Bringen uns in Bewegung. Lassen die Energieströme fließen. Oder sie lassen uns kurz erstarren. Ganz so, als wäre eine tief verborgene Saite in unserer Seele angeschlagen worden. Das Gezeichnete Ich – hier kommt es ins Spiel – hat es sich zum Ziel gesetzt, der Entzauberung der Liebe, die heute im schnellen Datenfluss zu ertrinken droht wie in einer Sintflut, einen romantischen Zauber entgegenzusetzen, der den Song, also die Kunst, über den Künstler stellt. Es ist die Anonymität, die Schutz bietet und zugleich den Schleier des Geheimen bewahrt.
Blicken wir auf die Kunst. Der Produzent Alex Silva hat sich des Bohemien aus Berlin angenommen. Zwei Jahre Arbeit (Blut, Schweiß, Tränen und immer wieder neue Ideen) haben sie gemeinsam in dieses Debütalbum gesteckt, das zugleich Startschuss für das Label des Engländers sein soll. Silva ist übrigens der Mann, der Herbert Grönemeyer seit „Bleibt alles anders“ geholfen hat, sich musikalisch neu zu erfinden. Mit dem Gezeichneten Ich, diesem Multitalent an Tasten und Saiten, für Harmonien und Gesang, ist ihm ein rechtschaffener Coup gelungen. Das ist schon bei dem Opener des Albums zu spüren, der seit geraumer Zeit seine Kreise als Künstlerentree im Netz zieht: „Innen“ ist eine glänzende Ouvertüre zum Oeuvre des Gezeichneten Ich. Es ist Aufschrei, Jubelarie, Friedensappell und Herzensangelegenheit im doppelten Sinne. Ein starker Start – und doch ein Aufbruch ins Ungewisse.
Die Gratwanderung zwischen dem Intellekt und dem rein Seelischen, wie sie nicht wenige Künstler umtreibt, spiegelt sich auch auf dem Debütalbum des Gezeichneten Ich. Mal schlagen die Lieder mit barocker Wucht zu und entfalten einen symphonischen Furor, der ans Metaphysische rührt. „Hallelujah“ ist so ein Lied. Mal beherrscht die Faszination für die Naturwissenschaften, unsere ausrechenbare Vergänglichkeit das Geschehen, bauen sich Lieder wie „Vergangenheit“ und „Lichtjahre“ auf wie Fraktale in der Mathematik. Übersteigerte Britpopdramaturgie („Nebel“) findet sich hier neben einem perfekt gezündeten, beatlesken Harmoniefeuerwerk („Beste Zeit“ – und was für ein weiser Epilog auf die Liebe ist das). Ganz sanftmütig das Abschiednehmen in dem von Harmonien und Chören trunkenen „Du es und ich“ („Glück lässt mich verdursten, doch ich rechne mit dem Wolkenbruch“) und noch zärtlicher, zerbrechlicher das Liebesbekenntnis „Blume“. Hier schlägt das Herz und reißt die Seele. Sind wir nicht alle auf der Suche nach solchen Liedern, die für wenige Momente, Minuten nur, die Welt aus den Angeln heben? Man lausche nur nach Innen. Je t’aime (moi non plus). Hey Jude. Tausend Tränen tief: Lieder mit starkem Sentiment, einem spürbaren Funken Wahrheit und von unglaublichem Bestand. Das Gezeichnete Ich ist auf der unendlich scheinenden Suche nach solchen Trüffeln des Pop, diesen kulinarischen Highs, ganz schön fündig geworden.
